Christian Pross: „Verletzte Helfer“ - Umgang mit dem Trauma: Risiken und Möglichkeiten sich zu schützen. - Wertvolle Erkenntnisse für die Rolle als Supervisorin -
Cover Verletzte Helfer, Christian Pross, Leben Lernen, Klett-Cotta
Worum geht es in „Verletzte Helfer“?
Christian Pross beleuchtet in seinem Buch die psychischen und emotionalen Belastungen, denen Menschen in helfenden Berufen, wie Therapeut*innen, Sozialarbeiter*innen, Pflegekräfte oder Ärzt*innen, ausgesetzt sind. Anhand einer empirischen Studie arbeitet Pross heraus, wie Helfer*innen mit bester Absicht in die Strukturlosigkeit, Burnout und die völlige Selbstüberhöhung reinrutschen. Unter anderem beschreibt Pross das Phänomen der Sekundärtraumatisierung und verdeutlicht, dass Helfer*innen Unterstützung brauchen, um sich vor den negativen Auswirkungen ihrer Arbeit zu schützen. In der Arbeit mit traumatisierten Menschen braucht es sowohl emotionale Betroffenheit und Engagement der Mitarbeiter*innen als auch Distanz und Professionalität.
Hintergrund zum Autor
Das Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es sehr praxisnah ist. Pross selber ist Arzt und Psychotherapeut. Er hat das Behandlungszentrums für Folteropfer, 1992, in Berlin gegründet und die Leitung bis 2003 übernommen. Insofern hat er nicht nur zu dem Thema der „Verletzten Helfer“ geforscht, sondern am eigenen Leib erfahren, mit welchen Herausforderungen Menschen in helfenden Berufen, die mit traumatisierten Menschen arbeiten, konfrontiert sind.
2009 hat er das Bundesverdienstkreuz für seine Verdienste im Bereich der Psychotraumatologie und der medizinhistorischen Forschung erhalten.
Zentrale Themen des Buches:
Das Helfertrauma
Menschen im Allgemeinen und in helfenden Professionen tragen in sich Verletzungen. Dieses kann eine Triebkraft sein, um einen helfenden Beruf zu ergreifen und es kann vor allem helfen sich in die Lage der Betroffenen einzufühlen. Gleichzeitig liegt bei mangelnder Bewusstwerdung um die eigene Verletzlichkeit eine große Gefahr der mangelnden Distanz und Professionalität. Das Risiko ist, dass die eigenen Probleme in der Arbeit anstatt im Rahmen einer Therapie bearbeitet werden. Des Weiteren sind Folgen sich mit den Klient*innen zu überidentifizieren und in die Rolle des Opfer-Anwalts zu schlüpfen. Auch kann das Umgekehrte entstehen, Empathie und Mitgefühlslosigkeit oder die Vermeidung sich mit den Klienten auseinanderzusetzen, in Gefahr dem eigenen Trauma zu begegnen oder hilflos zu sein.
Sekundärtraumatisierung
Sekundärtraumatisierung ist eine reale Gefahr in der Arbeit mit traumatisierten Menschen, d.h. quälende überschwemmende Erinnerungen der Klienten, Albträume, Ängste, Verzweiflung und Misstrauen sich ansteckend auswirken können. Die Arbeit mit traumatisierenden Menschen ist „risk work“, eine Risikotätigkeit vergleichbar mit anderen Berufen, die mit Extremsituationen zu tun haben wie Feuerwehrleute, Rettungskräfte, Polizisten oder Soldaten.
Strukturlosigkeit in Traumazentren
Viele der Probleme in Non-Profit-Organisationen haben nichts mit dem persönlichen Versagen und der Unfähigkeit der Beteiligten zu tun, sondern mit der Strukturlosigkeit, die in solchen Organisationen vorherrschen kann. In der Pionierphase der Traumazentren wurde versucht ein macht- und repressionsfreier Raum herzustellen, ein Gegensatz zu der Welt, wo die Klient*innen herkommen. Aus Pross Sicht hat es zu einem Machtvakuum geführt, in dem sich ein Dschungel von informeller Machtausübung mit heimlichen Allianzen gebildet hat. Diese heimlichen Hierarchien sind mit mit Tabus belegt und nicht transparent. Es kommt zu Grenzverletzungen, Konflikten innerhalb der Organisation und hoher Fluktuation im Personal.
Prävention und Selbstfürsorge
Pross plädiert für eine Kultur der Selbstfürsorge, „Care for Caregivers“, in dem z.B. eine Teamkultur geschaffen wird, in der für Entlastung, Ausgleich und Erholung der Mitarbeiter*innen gesorgt wird. Zusätzlich braucht es Organisationsberatung und Supervision.
Kernaspekte, die in der Rolle als Supervisor*in berücksichtigt werden können:
Für Supervisor*innen bietet dieses Buch eine wertvolle Grundlage, um die Herausforderungen der Helfenden besser zu verstehen und im Rahmen von Supervisionsprozessen gezielt darauf eingehen zu können.
Sich selbst als begrenzt belastbaren und verletzlichen Menschen zeigen zu können. Supervision unterstützt dabei, einen Raum zu schaffen, in dem über die oft tabuisierten Themen von Schwäche und Erschöpfung gesprochen werden darf.
Nach Luise Reddemann (Traumaexpertin) braucht es eine konsequente mitfühlende Arbeit mit sich selbst und eine Anerkennung der eigenen Grenzen, als Grundlage um Mitgefühl für andere zu entwickeln. Diese kann in der Supervision z.B. über Fallbesprechungen und gezielte Förderung von Resilienz geschehen.
Selbstreflexion und Selbstfürsorge. In „Verletzte Helfer“ wird die Bedeutung der Selbstfürsorge betont. In der Supervision können Helfer*innen z.B. ermutigt werden, regelmäßig Pausen einzulegen, professionelle Distanz zu wahren und eigene Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen.
Verständnis für Sekundärtraumatisierung: Pross beschreibt, wie Traumata von Klient*innen auf Helfer*innen übergehen können. Diese Erkenntnisse kann helfen, in der Supervision gezielt auf die Verarbeitung solcher Erfahrungen einzugehen und gegebenenfalls eine Therapie anzuregen.
Schutz vor emotionaler Erschöpfung: Helfer*innen laufen Gefahr, emotional auszubrennen. Gemeinsam mit den Betroffenen können Strategien entwickelt werden, um Burnout und chronischer Erschöpfung vorzubeugen.
Strukturrefomen und Offenheit für Veränderung. In der Supervision kann es hilfreich den Blick auf die Organisation zu richten. Wie werden Rollen in der Organisation definiert? Wie werden Entscheidungen getroffen? Sorgt die Organisation für Grenzen und wie tut sie das? Hier kann es vorteilhaft sein die Führungskräfte miteinzubeziehen.
Zusammengefasst
Insbesondere ist das Buch nützlich, um das Bewusstsein für die Problematik „ der Verletzten Helfer“ zu stärken. Anhand von vielen Fallbeispielen wird ein Thema beleuchtet, das immer noch zu wenig in der Gesellschaft Anerkennung findet: Das Phänomen des Traumas und wie damit gesellschaftlich umzugehen ist. Aus meiner Beobachtung sind viele der von Pross genannten Risikofaktoren, die sich aus der Zusammenarbeit mit traumatisierten Menschen ergeben, mittlerweile in den helfenden Berufen angekommen. Nichtsdestotrotz sind gerade wir, in der Rolle der Supervisor*innen, besonders gefragt achtsam mit unseren Klient*innen zu sein für die oben genannten Symptome, sowohl das Individuum, sowie auch die Organisation als Gesamtes, betreffend. Ich kann das Buch wärmstens Supervisor*innen, die für die Begleitung von Fachkräften im psychosozialen Bereich zuständig sind, empfehlen.